Der Beitrag analysiert die Kritik, die von Vertretern der nationalsozialistischen rassistischen "Blut und Boden"-Ideologie, vor allem von Richard Walther Darré, an dem faschistischen Rassismus und Antisemitismus geübt wurde. In einer vertraulichen Rede an seine Mitarbeiter im Jahr 1936 stellt der nationalsozialistische Landwirtschafts- und Ernährungsminister Darré die biologische Konzeption des nationalsozialistischen Rassismus und Antisemitismus der rassistischen Ideologie des Faschismus gegenüber. Darrés Äußerungen erweisen jedoch eine prinzipiell falsche Wahrnehmung des faschistischen Rassismus. Er verkennt in erster Linie den faschistischen kolonialen Rassismus, der sich zum Zeitpunkt seiner angeführten Weimarer Rede, gerade in dem seit Oktober 1935 begonnenen brutalen Angriff Italiens auf Abessinien auswirkte und der sich später, im Laufe des Jahres 1937, ein Jahr nach dem Ausruf des italienischen Ostafrika-Imperiums (Mai 1936), durch eine Reihe von königlichen Erlassen – die dann in entsprechenden Gesetzen umgesetzt wurden –, in einem umfangreichen Apartheid-System verwirklichte. Darrés verzerrtes Bild des faschistischen kolonialen Rassismus entsprach wiederum tatsächlich eine lange bis in den 90er Jahren andauernde allgemeine verharmloste Darstellung und Wahrnehmung der faschistischen Kolonialvergangenheit in der italienischen Erinnerungskultur, die nur schwer, wenn überhaupt, durch die wissenschaftlichen Aufklärungsarbeiten, ab den 70er Jahren, vor allem von Angelo Del Boca, Giorgio Rochat und, später, von Nicola Labanca revidiert werden konnte. Darrés Bild und Einschätzung der Einstellung des Faschismus zur „Judenfrage“ fügte sich in eine verbreitete Kritik, die seit Anfang der 30er Jahren von völkischen und nationalsozialistischen Rassisten und Antisemiten gegen Mussolinis Haltung zu den Juden erhoben wurde, und die Hitler selbst oft entschärfen musste. Die Antwort seitens des Faschismus auf diese Kritik kam, indirekt, durch die Veröffentlichung des sogenannten faschistischen Rassenmanifests im Juli 1938, das sich stark an den biologischen Rassismus des Nordischen Gedankens von Günther und der Blut-und Boden-Ideologie von Darré anlehnte, wenn nicht sogar davon offensichtlich ganze Teile direkt übernahm. Das Dokument sollte in der Tat die faschistische antisemitische Wende ankündigen, die sich einige Monate später in der Einführung der antijüdischen Gesetzgebung des Königreichs Italien auswirken sollte. Die Aneignung einiger Hauptgrundlagen des nordischen Rassegedankens in der programmatischen Ankündigung der antisemitischen gesetzlichen Wende im faschistischen Italien kann als eine explizite strategische Entscheidung von Mussolini gedeutet werden. Damit versprach er sich, vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Intensivierung der Beziehungen und des Bündnisses mit dem Dritten Reich, eine neue Grundlage für den internen Konsens und die totalitäre Innenpolitik. Der rassistisch-biologische Antisemitismus sollte den Italienern ermöglichen, sich von den in Deutschland oder im Ausland weit verbreiteten Vorurteilen gegen sie zu befreien, vor allem von dem Klischee des Italieners als „Eismacher“ oder „Opernsänger“. Aufgrund ihrer nun mutmaßlichen nordischen Komponente hätten die Italiener dank des nordischen Rassegedankens „endlich“ in heroischer Gestalt auftreten und rassisch den Prototyp des „neuen Menschen“ verkörpern können, der in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre zunehmend die Grundlage für Mussolinis neue totalitäre Innenpolitik bilden sollte.

Der faschistische Rassismus aus der Sicht des völkischen Blut-und-Boden-Gedankens / D'Onofrio, Andrea. - (2024), pp. 169-189.

Der faschistische Rassismus aus der Sicht des völkischen Blut-und-Boden-Gedankens

Andrea D'Onofrio
2024

Abstract

Der Beitrag analysiert die Kritik, die von Vertretern der nationalsozialistischen rassistischen "Blut und Boden"-Ideologie, vor allem von Richard Walther Darré, an dem faschistischen Rassismus und Antisemitismus geübt wurde. In einer vertraulichen Rede an seine Mitarbeiter im Jahr 1936 stellt der nationalsozialistische Landwirtschafts- und Ernährungsminister Darré die biologische Konzeption des nationalsozialistischen Rassismus und Antisemitismus der rassistischen Ideologie des Faschismus gegenüber. Darrés Äußerungen erweisen jedoch eine prinzipiell falsche Wahrnehmung des faschistischen Rassismus. Er verkennt in erster Linie den faschistischen kolonialen Rassismus, der sich zum Zeitpunkt seiner angeführten Weimarer Rede, gerade in dem seit Oktober 1935 begonnenen brutalen Angriff Italiens auf Abessinien auswirkte und der sich später, im Laufe des Jahres 1937, ein Jahr nach dem Ausruf des italienischen Ostafrika-Imperiums (Mai 1936), durch eine Reihe von königlichen Erlassen – die dann in entsprechenden Gesetzen umgesetzt wurden –, in einem umfangreichen Apartheid-System verwirklichte. Darrés verzerrtes Bild des faschistischen kolonialen Rassismus entsprach wiederum tatsächlich eine lange bis in den 90er Jahren andauernde allgemeine verharmloste Darstellung und Wahrnehmung der faschistischen Kolonialvergangenheit in der italienischen Erinnerungskultur, die nur schwer, wenn überhaupt, durch die wissenschaftlichen Aufklärungsarbeiten, ab den 70er Jahren, vor allem von Angelo Del Boca, Giorgio Rochat und, später, von Nicola Labanca revidiert werden konnte. Darrés Bild und Einschätzung der Einstellung des Faschismus zur „Judenfrage“ fügte sich in eine verbreitete Kritik, die seit Anfang der 30er Jahren von völkischen und nationalsozialistischen Rassisten und Antisemiten gegen Mussolinis Haltung zu den Juden erhoben wurde, und die Hitler selbst oft entschärfen musste. Die Antwort seitens des Faschismus auf diese Kritik kam, indirekt, durch die Veröffentlichung des sogenannten faschistischen Rassenmanifests im Juli 1938, das sich stark an den biologischen Rassismus des Nordischen Gedankens von Günther und der Blut-und Boden-Ideologie von Darré anlehnte, wenn nicht sogar davon offensichtlich ganze Teile direkt übernahm. Das Dokument sollte in der Tat die faschistische antisemitische Wende ankündigen, die sich einige Monate später in der Einführung der antijüdischen Gesetzgebung des Königreichs Italien auswirken sollte. Die Aneignung einiger Hauptgrundlagen des nordischen Rassegedankens in der programmatischen Ankündigung der antisemitischen gesetzlichen Wende im faschistischen Italien kann als eine explizite strategische Entscheidung von Mussolini gedeutet werden. Damit versprach er sich, vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Intensivierung der Beziehungen und des Bündnisses mit dem Dritten Reich, eine neue Grundlage für den internen Konsens und die totalitäre Innenpolitik. Der rassistisch-biologische Antisemitismus sollte den Italienern ermöglichen, sich von den in Deutschland oder im Ausland weit verbreiteten Vorurteilen gegen sie zu befreien, vor allem von dem Klischee des Italieners als „Eismacher“ oder „Opernsänger“. Aufgrund ihrer nun mutmaßlichen nordischen Komponente hätten die Italiener dank des nordischen Rassegedankens „endlich“ in heroischer Gestalt auftreten und rassisch den Prototyp des „neuen Menschen“ verkörpern können, der in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre zunehmend die Grundlage für Mussolinis neue totalitäre Innenpolitik bilden sollte.
2024
9783631918869
Der faschistische Rassismus aus der Sicht des völkischen Blut-und-Boden-Gedankens / D'Onofrio, Andrea. - (2024), pp. 169-189.
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Utilizza questo identificativo per citare o creare un link a questo documento: https://hdl.handle.net/11588/991665
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