Der Beitrag fasst die Herausbildung von Rilkes Naturauffassung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ins Auge. Nachdem die Abwendung vom romantischen Naturbegriff in der Schrift über die Worpsweder Künstler in die Konzeption der Natur als dem ‚Anderen‘, Fremden erfolgt und Rilke vom Leben inmitten der Natur auf dem Lande in die Fremdheit der allermodernsten Großstadt, eben nach Paris, gezogen ist, entwickelt er in der Rodin-Schrift seine Auffassung von Kunst als Vermittlung mit der Natur weiter. So stelle Rodin, der als Werkzeug der ihm in die Hände diktierenden Natur konzipiert wird, in einer der Natur entfremdeten Zeit die von ihm geschaffenen Kunstdinge wieder in die Natur hinein. In den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ wird dieses Naturverhältnis dann nicht von der Außenperspektive, sondern der Innenperspektive der Subjektivität her entwickelt, als „Natur, die wir selbst sind“ (Gernot Böhme). Die mystische Umkehr von Maltes Leid und seinem dreifachen Tod als klassisches Subjekt in die liebende Bejahung alles Seienden bis zu den schrecklichsten Seiten der Existenz hin stellt die Voraussetzung für eine alchimistische Schrift dar, in der es der Leib, die dem Bewusstsein und Willen entzogenen Teile des Leibes, seine Sinne, Organe und das Blut, es mithin die ‚Natur, die wir selbst sind‘, ist, die Maltes Hand als ihrem Werkzeug diktiert. Diese auf die ‚Natur, die wir selbst sind‘, basierende Poetologie, die ein im Grunde vormodernes Naturverhältnis in die Moderne transponiert, bildet die Grundlage auch der gleichzeitig entstehenden Neuen Gedichte wie des folgenden Werks.

»Die andere Seite der Natur«. Beobachtungen zur Auffassung der Natur bei Rainer Maria Rilke (1875–1926)

Bernhard Arnold Kruse
2019

Abstract

Der Beitrag fasst die Herausbildung von Rilkes Naturauffassung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ins Auge. Nachdem die Abwendung vom romantischen Naturbegriff in der Schrift über die Worpsweder Künstler in die Konzeption der Natur als dem ‚Anderen‘, Fremden erfolgt und Rilke vom Leben inmitten der Natur auf dem Lande in die Fremdheit der allermodernsten Großstadt, eben nach Paris, gezogen ist, entwickelt er in der Rodin-Schrift seine Auffassung von Kunst als Vermittlung mit der Natur weiter. So stelle Rodin, der als Werkzeug der ihm in die Hände diktierenden Natur konzipiert wird, in einer der Natur entfremdeten Zeit die von ihm geschaffenen Kunstdinge wieder in die Natur hinein. In den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ wird dieses Naturverhältnis dann nicht von der Außenperspektive, sondern der Innenperspektive der Subjektivität her entwickelt, als „Natur, die wir selbst sind“ (Gernot Böhme). Die mystische Umkehr von Maltes Leid und seinem dreifachen Tod als klassisches Subjekt in die liebende Bejahung alles Seienden bis zu den schrecklichsten Seiten der Existenz hin stellt die Voraussetzung für eine alchimistische Schrift dar, in der es der Leib, die dem Bewusstsein und Willen entzogenen Teile des Leibes, seine Sinne, Organe und das Blut, es mithin die ‚Natur, die wir selbst sind‘, ist, die Maltes Hand als ihrem Werkzeug diktiert. Diese auf die ‚Natur, die wir selbst sind‘, basierende Poetologie, die ein im Grunde vormodernes Naturverhältnis in die Moderne transponiert, bildet die Grundlage auch der gleichzeitig entstehenden Neuen Gedichte wie des folgenden Werks.
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