In ihrem gattungsmäßig kaum einzuordnenden Prosawerk "Sie kam aus Mariupol", in dessen Zentrum die Geschichte ihrer Familie und später ihrer Kindheit steht, erzählt Natascha Wodin von Migration, die sich vor allem auf zwei Ebenen darstellt: einerseits die im Zweiten Weltkrieg vom Nazifaschismus organisierte Zwangsmigration von Slawen als Zwangsarbeitern aus dem besetzten Teil der UdSSR nach Deutschland und dann die Sehnsucht nach der ukrainischen Heimat in der nachkriegsdeutschen Fremde, in der die Angst vor Verfolgung in der UdSSR sie festhält. Auf diese Weise werden Erfahrungen mit zwei Herrschaftsformen erfasst, die sich als Totalitarismen darstellen: mit dem nationalsozialistischen Deutschland und dem kommunistischen Regime der UdSSR. Obwohl sich Nationalsozialismus und Kommunismus, insbesondere der Stalinismus, grundlegend unterscheiden, beschreibt Wodin sie hinsichtlich ihrer praktischen Auswirkungen auf das Leben der Menschen auf sehr ähnliche Weise. In Wodins Text führen beide zu Gewalt und zur Vernichtung des Individuums, das von einer gewalttätigen, allgegenwärtigen staatlichen Struktur überwältigt wird. Wie in diesem Aufsatz zu sehen sein wird, drückt der Text trotz der von Deutschland und der Sowjetunion verursachten Leiden keinerlei Feindseligkeit oder zumindest Ressentiments aus. Vielmehr thematisiert er die produktive Bindung an die ursprünglich als fremd empfundene deutsche Lebenswelt sowie eine Sehnsucht nach den russisch-ukrainischen Wurzeln der Familie.

Flucht- und Totalitarismuserfahrungen in 'Sie kam aus Mariupol' von Natascha Wodin / Esposito, Gianluca. - 42:(2026), pp. 141-156.

Flucht- und Totalitarismuserfahrungen in 'Sie kam aus Mariupol' von Natascha Wodin

Gianluca Esposito
2026

Abstract

In ihrem gattungsmäßig kaum einzuordnenden Prosawerk "Sie kam aus Mariupol", in dessen Zentrum die Geschichte ihrer Familie und später ihrer Kindheit steht, erzählt Natascha Wodin von Migration, die sich vor allem auf zwei Ebenen darstellt: einerseits die im Zweiten Weltkrieg vom Nazifaschismus organisierte Zwangsmigration von Slawen als Zwangsarbeitern aus dem besetzten Teil der UdSSR nach Deutschland und dann die Sehnsucht nach der ukrainischen Heimat in der nachkriegsdeutschen Fremde, in der die Angst vor Verfolgung in der UdSSR sie festhält. Auf diese Weise werden Erfahrungen mit zwei Herrschaftsformen erfasst, die sich als Totalitarismen darstellen: mit dem nationalsozialistischen Deutschland und dem kommunistischen Regime der UdSSR. Obwohl sich Nationalsozialismus und Kommunismus, insbesondere der Stalinismus, grundlegend unterscheiden, beschreibt Wodin sie hinsichtlich ihrer praktischen Auswirkungen auf das Leben der Menschen auf sehr ähnliche Weise. In Wodins Text führen beide zu Gewalt und zur Vernichtung des Individuums, das von einer gewalttätigen, allgegenwärtigen staatlichen Struktur überwältigt wird. Wie in diesem Aufsatz zu sehen sein wird, drückt der Text trotz der von Deutschland und der Sowjetunion verursachten Leiden keinerlei Feindseligkeit oder zumindest Ressentiments aus. Vielmehr thematisiert er die produktive Bindung an die ursprünglich als fremd empfundene deutsche Lebenswelt sowie eine Sehnsucht nach den russisch-ukrainischen Wurzeln der Familie.
2026
978-88-6887-413-1
Flucht- und Totalitarismuserfahrungen in 'Sie kam aus Mariupol' von Natascha Wodin / Esposito, Gianluca. - 42:(2026), pp. 141-156.
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