Bei Celan (exemplarisch bereits in seinem bekanntesten Gedicht, Todesfuge) ist der Versuch offensichtlich, das Verhältnis von Geschichte und Dichtung nicht einfach zu thematisieren, sondern angesichts der unermesslichen Katastrophe, die die Menschheit mit dem Holocaust erlebt hatte, auf neuer, unerhörter Weise wieder herzustellen. Dennoch wendet sich seine Dichtung nicht zum Persönlichen, zum Individuellen hin, sozusagen um die Untergegangenen irgendwie zu retten, sie der Vergessenheit zu entziehen, im Sinne der “Hinwendung zu den Opfern”, die die so genannte “Holocaust-Lyrik” charakterisiere. Das wäre der Gewaltigkeit der Ereignisse wohl nicht gewachsen gewesen, das hätte nicht erlaubt, nach Auschwitz Gedichte noch zu schreiben, um mit Adorno zu reden. Vielmehr kommt in der Todesfuge und in anderen Gedichten, die Celan insbesondere in den ersten Nachkriegsjahren verfasst hat, eine kühne, radikale, an Dichtung gestellte Forderung zum Ausdruck. Es geht darum, die geschichtlichen Ereignisse einigermaßen unmittelbar darzustellen, d.h. in ihrem umfassenden Charakter, was ihre Bedeutung bzw. Bedeutungslosigkeit eigentlich ausmacht und deren Erfahrung bestimmt – ganz außerordentliche geschichtliche Ereignisse, die sozusagen auch dichterisch einfach nur solche bleiben sollen, ohne sich in Mythos, in Erlebnis, in Gefühle umzuwandeln, insbesondere (mit einem Wort Celans selbst) ohne “sich die Zeit verzweigt”.

Bevor sich die Zeit verzweigt. Zum Verhältnis von Dichtung und Geschichte bei Celan

giancarmine bongo
2018

Abstract

Bei Celan (exemplarisch bereits in seinem bekanntesten Gedicht, Todesfuge) ist der Versuch offensichtlich, das Verhältnis von Geschichte und Dichtung nicht einfach zu thematisieren, sondern angesichts der unermesslichen Katastrophe, die die Menschheit mit dem Holocaust erlebt hatte, auf neuer, unerhörter Weise wieder herzustellen. Dennoch wendet sich seine Dichtung nicht zum Persönlichen, zum Individuellen hin, sozusagen um die Untergegangenen irgendwie zu retten, sie der Vergessenheit zu entziehen, im Sinne der “Hinwendung zu den Opfern”, die die so genannte “Holocaust-Lyrik” charakterisiere. Das wäre der Gewaltigkeit der Ereignisse wohl nicht gewachsen gewesen, das hätte nicht erlaubt, nach Auschwitz Gedichte noch zu schreiben, um mit Adorno zu reden. Vielmehr kommt in der Todesfuge und in anderen Gedichten, die Celan insbesondere in den ersten Nachkriegsjahren verfasst hat, eine kühne, radikale, an Dichtung gestellte Forderung zum Ausdruck. Es geht darum, die geschichtlichen Ereignisse einigermaßen unmittelbar darzustellen, d.h. in ihrem umfassenden Charakter, was ihre Bedeutung bzw. Bedeutungslosigkeit eigentlich ausmacht und deren Erfahrung bestimmt – ganz außerordentliche geschichtliche Ereignisse, die sozusagen auch dichterisch einfach nur solche bleiben sollen, ohne sich in Mythos, in Erlebnis, in Gefühle umzuwandeln, insbesondere (mit einem Wort Celans selbst) ohne “sich die Zeit verzweigt”.
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Utilizza questo identificativo per citare o creare un link a questo documento: http://hdl.handle.net/11588/753988
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