Im Fokus der vorliegenden Sektion stehen insbesondere Erzählungen deutschsprachiger AutorInnen, die 1933–1945 aus rassistischen oder politischen Gründen gezwungen wurden, Deutschland, Österreich und andere deutschsprachige Gebiete zu verlassen und die sich erzählerisch direkt mit der Erfahrung der Flucht und des Exils auseinandersetzen. Da jedoch manche dieser Erzählungen oder Memoiren, erst weit über das Ende des Zweiten Weltkrieges hinaus fertig geschrieben oder veröffentlicht wurden, wird der in der Exilforschung noch immer gängige zeitliche Rahmen – Ende der Weimarer Republik bis zum Kollaps der Nazi-Diktatur – ausdrücklich gesprengt. Somit stehen auch Fragen des Nach-Exils, der nachhaltigen Herausbildung von Diaspora-Strukturen und Perspektiven von Transkulturalität und sprachlicher Hybridität mit Bezug zur historischen Exilzeit zur Diskussion. Darüber hinaus werden auch deutschsprachige Gegenwartstexte erörtert, die sich Problemen und Implikationen des Erzählens von Flucht und Exil widmen. Neben Werken, die sich spezifisch auf die Exilzeit während der nationalsozialistischen Diktatur beziehen, werden im Folgenden auch Texte zur Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten und zur Flucht aus der DDR behandelt. Eine Öffnung der Thematik auf diesen Bereich, der ein aktuell sich ausdifferenzierendes neues Forschungsfeld beschreibt, verspricht, wie die Diskussionen während der Konferenz gezeigt haben, innovative Perspektiven im Hinblick auf Formen und (erinnerungspolitische) Funktionen von Fluchtnarrationen, die viele Anschlüsse an neuere Tendenzen in der Exilforschung erkennen lassen. „Erzählung“ wird hier im weitesten Sinne gefasst: Als Oberbegriff für narrative Texttypen, die in mündlicher oder in schriftlicher Form (als literarische Texte, aber auch als Interviews, Briefe, Tagebücher, Protokolle) vorliegen. Eine solche breit angelegte Gattungsbestimmung erlaubt Untersuchungen nach Möglichkeiten, Grenzen und Verflechtungen verschiedener narrativer Formen und deckt somit genau die spielerisch-experimentellen Schnittstellen von fiktivem, faktischem und autobiographischem Schreiben auf, die zur diskursiven Pluralität exilischen Erzählens beitragen.

Fluchtgeschichten. Narrative Grenzerkundungen angesichts von Emigration und Exil. Einleitung

simona leonardi
2017

Abstract

Im Fokus der vorliegenden Sektion stehen insbesondere Erzählungen deutschsprachiger AutorInnen, die 1933–1945 aus rassistischen oder politischen Gründen gezwungen wurden, Deutschland, Österreich und andere deutschsprachige Gebiete zu verlassen und die sich erzählerisch direkt mit der Erfahrung der Flucht und des Exils auseinandersetzen. Da jedoch manche dieser Erzählungen oder Memoiren, erst weit über das Ende des Zweiten Weltkrieges hinaus fertig geschrieben oder veröffentlicht wurden, wird der in der Exilforschung noch immer gängige zeitliche Rahmen – Ende der Weimarer Republik bis zum Kollaps der Nazi-Diktatur – ausdrücklich gesprengt. Somit stehen auch Fragen des Nach-Exils, der nachhaltigen Herausbildung von Diaspora-Strukturen und Perspektiven von Transkulturalität und sprachlicher Hybridität mit Bezug zur historischen Exilzeit zur Diskussion. Darüber hinaus werden auch deutschsprachige Gegenwartstexte erörtert, die sich Problemen und Implikationen des Erzählens von Flucht und Exil widmen. Neben Werken, die sich spezifisch auf die Exilzeit während der nationalsozialistischen Diktatur beziehen, werden im Folgenden auch Texte zur Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten und zur Flucht aus der DDR behandelt. Eine Öffnung der Thematik auf diesen Bereich, der ein aktuell sich ausdifferenzierendes neues Forschungsfeld beschreibt, verspricht, wie die Diskussionen während der Konferenz gezeigt haben, innovative Perspektiven im Hinblick auf Formen und (erinnerungspolitische) Funktionen von Fluchtnarrationen, die viele Anschlüsse an neuere Tendenzen in der Exilforschung erkennen lassen. „Erzählung“ wird hier im weitesten Sinne gefasst: Als Oberbegriff für narrative Texttypen, die in mündlicher oder in schriftlicher Form (als literarische Texte, aber auch als Interviews, Briefe, Tagebücher, Protokolle) vorliegen. Eine solche breit angelegte Gattungsbestimmung erlaubt Untersuchungen nach Möglichkeiten, Grenzen und Verflechtungen verschiedener narrativer Formen und deckt somit genau die spielerisch-experimentellen Schnittstellen von fiktivem, faktischem und autobiographischem Schreiben auf, die zur diskursiven Pluralität exilischen Erzählens beitragen.
978-3-631-70770-8
978-3-631-70770-6
978-3-631-70770-5
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